Buchcover: Im Jahr des Affen

»Poetisch, klug, unterhaltsam: Der ungewöhnliche Roman erzählt von der Tragik des Andersseins, der Suche nach Heimat - und der Suche nach Glück.«

 

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"Ansichtssachen". Ein Literaturprojekt des Literaturbüros OWL.

»Das ist nun aber wirklich Ansichtssache!« Genau, wenn drei Fotos und 12 Autor*innen zusammenkommen, entstehen »Ansichtssachen«. Das Literaturbüro OWL hat 12 Autor*innen – aus der Umgebung und auch der Ferne – gebeten, sich von einem Bild literarisch inspirieren zu lassen und die entstandenen Texte in den sozialen Medien zu präsentieren. Zur Auswahl standen drei unterschiedliche Fotografien aus denen gewählt werden konnte: eine Videothek, ein Zugabteil und eine Bank am Meer.»Das ist nun aber wirklich Ansichtssache!« Genau, wenn drei Fotos und 12 Autor*innen zusammenkommen, entstehen »Ansichtssachen«. Das Literaturbüro OWL hat 12 Autor*innen – aus der Umgebung und auch der Ferne – gebeten, sich von einem Bild literarisch inspirieren zu lassen und die entstandenen Texte in den sozialen Medien zu präsentieren. Zur Auswahl standen drei unterschiedliche Fotografien aus denen gewählt werden konnte: eine Videothek, ein Zugabteil und eine Bank am Meer.

(Auszug aus dem Text zu dem Projekt "Ansichtssachen" von der Website des Literaturbüros OWL)

 

Ich habe mich für das Foto "Abschied" (das Foto mit der leeren Bank) entschieden.

 

 

Keine Abschied

 

Die Bank ist leer.

Das Fenster ist trüb, man kann nicht hindurchsehen.

Die Brüstung ist zu niedrig, um einen Sturz abzuhalten.

Das Meer bewegt sich nicht.

Der Horizont ist eine gerade Linie.

Hinter dem Horizont gehts nicht weiter.

Es ist heller Tag, es ist grau.

   leine Abschied steht über der Bank.

 

Etwas fehlt. Die ersten Buchstaben sind weg. Der erste Mensch in meinem Leben ist weg.

In die Leere kann man eintragen, was man will. Es ist wird nie richtig werden: „Kleine Abschied“ oder „Alleine Abschied“. Beides ist sprachlich falsch, aber beides stimmt: ich bin klein, ich bin allein.

Sie ist weg und hat mich mitgenommen, mitgenommen. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Lied das stammt. Ich überlege und überlege, aber es fällt mir nicht ein. Eigentlich geht es da um Liebeskummer, das weiß ich und bei mir geht es um etwas anderes – um meine Mutter. Aber jetzt ist sie weg.

Sie sagt nichts mehr, sie sieht nichts mehr, sie geht nicht mehr einkaufen, sie wird nicht mehr nass, wenn es regnet. Sie kocht nicht mehr, isst nichts mehr, steht nicht mehr auf, legt sich nicht mehr hin. Sie schimpft nicht mehr, lacht nicht mehr, telefoniert nicht mehr, blättert nicht mehr in Apothekenzeitschriften.

Sie bewegte sich nicht mehr als ich zu ihr ging. Sie saß auf dem Sofa. Sie atmete nicht mehr. Ich legte sie hin. Ich stemmte meine Arme auf ihre Rippen und drückte, eins-zwei-drei-vier-fünf, ich nahm ihren Kopf überstreckte ihn und blies in ihre Nase. Ihr Brustkorb hob sich, ich drückte wieder, eins-zwei-drei-vier-fünf, und dann machte es pfff-pfff aus ihrem Mund. Aber das war nicht sie, sondern nur die Luft, die wieder aus ihr rauskam. Die Sanitäter zogen sie runter vom Sofa auf den kalten Boden. Sie schlossen sie an und auf dem Monitor waren zackige Linien zu sehen, die ich für Leben hielt, aber auch das war sie nicht. Die Sanitäter machten lange weiter mit Drücken und Lüften. Aber sie war weg.

Sie war: ein Körper mit aufgeschnittener Kleidung, der beschaut wurde. Etwas, das sich unter einer Plastikplane befand und durch den engen Flur an mir vorbeigetragen wurde. Eine aufgebettete Wachsfigur mit geschlossenen Augen und verschlossenem Mund, umgeben von einem Blumenmeer und Räucherstäbchenrauch. Etwas, das schließlich in so eine Art Blumenvase passte.

Ich gehe zu der leeren Bank, hole meinen Edding heraus und male ein  umgekipptes V (es gibt kein victory mehr, nur noch defeats) an das kleine l : „Keine Abschied“. Sprachlich ist es falsch, aber es stimmt. Auch sprachlich. Ihr Deutsch war nicht perfekt. Sie hätte nicht „Kein Abschied“ gesagt, sondern „Keine Abschied“.

 

 

 

 

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»Que Du Luu ist eine Meisterin der Andeutungen, Anspielungen, Metaphern.«
 
»Que Du Luu ist eine gute Beobachterin und schildert den Alltag und die Alltagssorgen ihrer Heldin mit Empathie und angenehmer Zurückhaltung. Gleichzeitig gelingt es ihr, mit Hilfe anderer Figuren, zum Beispiel der Restaurantangestellten, zu vermitteln, unter welchen Bedingungen die Boatpeople damals teilweise leben mussten.«
Katja Weise, NDR Info
 
 
»Sie [Mini] beginnt sich mit Traditionen, ihrer Herkunft, dem Vietnamkrieg und der damit verbundenen Geschichte ihres Vaters und der beiden Angestellten des Restaurants auseinander zu setzen. Ein überzeugender, berührender Blick in die Vergangenheit, der aktueller nicht sein könnte.«
 
 
»Es gibt wenige Romane, die so detailliert und klar das Leben von Menschen mit Migrationshintergrund beschreiben und sich der zweiten Generation zuwenden.«
 
 
»Luus große Kunstfertigkeit liegt in der sprachlichen Verwobenheit, mit der sie ihre Geschichte zum Klingen bringt, gleichzeitig mit lakonischem Witz und skurrilen Alltagsszenen collagiert und zu einem fein gesponnenen Geschichtenteppich zusammenfügt.«
Caroline Roeder, 1000 und 1 Buch
 
 
»Und je mehr sie erfährt, desto bedrängender wird die Frage, wer sie selbst ist.«
 
 
 
»Was wir aus diesem wunderbar klugen Buch lernen können, ist, neben allerlei alltagstauglichem Chinesisch, dass Hunde sich als Traumfänger eignen, der Pfirsich für Langlebigkeit steht und dass auch Chinesen zum Lachen in den Keller gehen können.«
 
 
»Que Du Luu erzählt von Flucht und Fremde, von zu Hause und Familie in einer ganz eigenen Sprache, die noch lange nachhallt (...)«

 

 

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